Sommerinterview mit dem Soester Anzeiger
Am 19. Juni 2026 hat der Soester-Anzeiger uns Fragen zu verschiedenen Themen gestellt, die unser Vorstizender Simon Hennecke beantwortet hat. Ausschnitte aus dem Interview sind in den vergangenen Wochen, teils gekürzt, in der Zeitung erschienen.
Hinweis:
Wir veröffentlichen unsere Antworten ungekürzt. Weisen allerdings darauf hin, dass sich seit dem Interview gewisse Faktoren geändert haben und die Aussagen teilweise bereits überholt sind.
Haushaltslage und Sparen
Sparen steht mittlerweile an erster Stelle. Welche Projekte müssen jetzt weichen und wie kommt das bei Ihnen und/oder Ihrer Fraktion, aber auch bei den Bürgern an?
Die finanzielle Lage des Kreises ist aufgrund der verhängten Haushaltssperre ein Warnsignal, das auch Auswirkungen auf die Kommunen haben kann. Muss der Kreis mehr Mittel etwa für den Rettungsdienst, das Straßenverkehrsamt, das Jugendamt oder die Jugendhilfe bereitstellen, kann dies über eine steigende Kreisumlage unmittelbar unseren Gemeindehaushalt belasten.
Deshalb haben wir den Arbeitskreis Haushaltsstrategie eingerichtet. Das Ergebnis ist eindeutig: Wir müssen jährlich rund zwei Millionen Euro einsparen oder zusätzliche Einnahmen erzielen.
Wir haben die vergangenen beiden Haushaltsjahre mit einem Defizit abgeschlossen. Wenn wir diesen Weg fortsetzen, droht die Haushaltssicherung. Dann wären unsere Gestaltungsmöglichkeiten erheblich eingeschränkt, weil die Aufsichtsbehörde bei unserem Haushalt und damit auch bei Einnahmen und Ausgaben mitentscheiden würde. Das wollen wir unbedingt vermeiden. Deshalb müssen wir jetzt verantwortungsvoll handeln.
Gibt es konkrete Einsparpotentiale?
Bei den Investitionen werden wir künftig noch genauer prüfen müssen, was wirklich notwendig und zeitlich vordringlich ist. In den vergangenen Jahren haben wir beispielsweise mehr als zehn Millionen Euro in den Ausbau der Grundschulen und der Offenen Ganztagsschule investiert. Weitere Maßnahmen müssen wir sorgfältig priorisieren, gegebenenfalls verschieben und verstärkt nach Fördermöglichkeiten suchen.
Auch die Personalkosten müssen wir in den Blick nehmen. Einsparungen in der Größenordnung von zwei Millionen Euro allein durch Stellenabbau wären allerdings nicht realistisch. Deshalb müssen wir genau prüfen, in welchen Aufgabenbereichen sich der Bedarf zuletzt verändert hat und ob sich daraus Einsparpotenziale ergeben. Ein Beispiel ist der Bereich Zuwanderung, wo sich durch sinkende Zuweisungszahlen der Aufwand für die Unterbringung und Betreuung von Menschen verändern kann. Davon betroffen sein können beispielsweise Tätigkeiten in der Betreuung kommunaler Unterkünfte, in der Sozialarbeit oder in der Sachbearbeitung. Dabei geht es nicht um pauschale Kürzungen, sondern um eine sachgerechte Anpassung an den tatsächlichen Bedarf.
Spielen Steuererhöhungen bereits eine Rolle?
Auch Anpassungen bei der Grund- und Gewerbesteuer sowie die Überprüfung kommunaler Satzungen gehören grundsätzlich zu den Optionen, die wir prüfen müssen. Konkrete Entscheidungen hierzu sind jedoch noch nicht getroffen.
Für mich gilt: Es darf keine Denkverbote geben. Unser Ziel ist es, die finanzielle Handlungsfähigkeit und Unabhängigkeit der Gemeinde zu sichern. Dafür brauchen wir eine konsequente Ausgabendisziplin und eine verantwortungsvolle Einnahmepolitik.
Windkraft
Unabhängigkeit ist ein gutes Sprichwort, vor allem beim Strom. Wie wird das Thema Windkraft aktuell wahrgenommen?
Windkraft ist auch in Ense zu einem emotionalen Thema geworden. Neben sachlichen Argumenten spielen verständlicherweise auch Sorgen und persönliche Betroffenheit eine große Rolle. Mir ist wichtig, dass wir trotz unterschiedlicher Auffassungen im Gespräch bleiben.
Die Anlagen sind heute deutlich größer als früher. Ein Windrad mit einer Höhe von rund 250 Metern und einem Abstand von weniger als 500 Metern zur Wohnbebauung wird von vielen Menschen anders wahrgenommen als die Windenergieanlagen, die man bislang kannte.
Hat sich Ihre Haltung zu Windkraft in der Gemeinde geändert?
Ich war immer ein Befürworter der Windkraft. Die deutlich größeren Anlagen und die teilweise geringen Abstände zur Wohnbebauung haben jedoch dazu geführt, dass ich einzelne Vorhaben heute kritischer bewerte. Eine pauschale Ablehnung halte ich ebenso wenig für richtig wie ein pauschales Durchwinken. Entscheidend ist der Einzelfall. Bei Anlagen dieser Dimension in unmittelbarer Nähe zur Wohnbebauung würde ich deshalb besonders sorgfältig prüfen, ob die Gemeinde ihr Einvernehmen erteilen sollte – auch wenn dieses rechtlich häufig keine entscheidende Wirkung auf das Genehmigungsverfahren hat.
Wirtschaft und Gewerbe
Wie bewerten Sie die aktuelle wirtschaftliche Entwicklung? Sehen Sie die Gemeinde eher als Wachstumsstandort oder drohen perspektivisch strukturelle Nachteile gegenüber umliegenden Kommunen?
Unsere Unternehmen begegnen den aktuellen wirtschaftlichen Herausforderungen mit guten und anpassungsfähigen Strategien. Das zeigt sich auch daran, dass die Gewerbesteuereinnahmen bislang relativ stabil geblieben sind. Gleichzeitig stehen viele Betriebe unter Druck: Globale Unsicherheiten, steigende Kosten und die Schwierigkeit, Preissteigerungen an Kunden weiterzugeben, machen die Lage nicht einfacher.
Sind Ansiedlungen noch möglich?
Für größere Erweiterungen oder Neuansiedlungen stehen derzeit nur begrenzt Flächen zur Verfügung. Einzelne kleinere Flächen gibt es noch. Wir stehen einer weiteren wirtschaftlichen Entwicklung grundsätzlich offen gegenüber, besonders für Handwerksunternehmen, die in Ense stark verwurzelt sind und eine wichtige Rolle für unseren Standort spielen.
Große Logistikansiedlungen sehen wir im Industriepark dagegen kritisch. Sie bringen häufig erheblichen Verkehr und zusätzliche Belastungen mit sich. Wirtschaftliche Entwicklung muss zum Standort, zur Infrastruktur und vor allem auch zu den Menschen in Ense passen.
Wohnen und Ortskerne
Welche konkreten Potentiale sehen Sie in der Gemeinde bei der Nachverdichtung oder Umnutzung bestehender Flächen?
Nachverdichtung und die Umnutzung bestehender Flächen sind wichtige Themen für die Zukunft. Wir können nicht dauerhaft weiter in die Fläche wachsen. Stattdessen müssen wir stärker auf unsere Ortskerne schauen, auch wenn die Möglichkeiten in kleineren Ortsteilen wie z. B. Oberense naturgemäß begrenzt sind.
Wenn immer mehr neue Bauflächen entstehen, besteht die Gefahr, dass die Ortskerne an Lebendigkeit verlieren. Gleichzeitig leben viele ältere Menschen in großen Häusern, während Familien passenden Wohnraum suchen. Hier braucht es gute und freiwillige Möglichkeiten für Veränderungen.
Wie sehen Sie in diesem Zusammenhang Modelle wie Wohnungstausch?
Ein organisierter Wohnungstausch ist aus meiner Sicht nicht der entscheidende Ansatz. In Ense funktionieren viele Umzüge bereits innerhalb von Familien oder im persönlichen Umfeld. Niemand soll sich gedrängt fühlen, sein Zuhause aufzugeben. Unsere Aufgabe als Politik liegt vielmehr darin, ausreichend barrierearme und altersgerechte Wohnungen zu ermöglichen. Wenn es passende Angebote gibt, entscheiden sich viele Menschen selbstbestimmt für einen Umzug und Häuser können für junge Familien frei werden.
Kitas, Pflege und Versorgung
Wo sehen Sie aktuell den größten Handlungsbedarf in Ense bei Schulen, Kitas und sozialen Einrichtungen und welche Prioritäten setzen Sie, um diese Bereich nachhaltig zu stärken?
Bei den Kitas bauen wir die Plätze deutlich aus, obwohl die Geburtenzahlen zurückgehen. Der Bedarf bleibt dennoch hoch Ein Grund ist, dass heilpädagogische Einrichtungen wegfallen können und die dort betreuten Kinder zunehmend in Regel-Kitas integriert werden. Gleichzeitig steigt die Zahl der Kinder mit besonderem Förderbedarf. Diese Kinder benötigen eine intensivere Begleitung und damit auch mehr personelle Ressourcen.
Gleichzeitig müssen wir im Blick behalten, wie sich die Auslastung in den kommenden Jahren entwickelt. Wenn die Kinderzahlen schwanken oder sinken, müssen die Einrichtungen dennoch wirtschaftlich tragfähig bleiben.
Wie sieht es bei der Pflege und der medizinischen Versorgung aus?
Nach meinem derzeitigen Kenntnisstand gibt es in Ense keine Fälle, in denen gar kein Pflegeplatz gefunden werden konnte. Die größere Herausforderung sind die hohen Kosten der Pflege, die häufig nicht vollständig durch die Rente gedeckt werden können.
Auch bei der hausärztlichen Versorgung ist Ense im Vergleich zu vielen anderen Kommunen weiterhin gut aufgestellt. Veränderungen, etwa die Schließung oder der Wegzug einer Praxis, werden in der Regel frühzeitig bekannt, sodass rechtzeitig reagiert werden kann.
Bei Fachärzten ist die Situation schwieriger, da sich viele Praxen in den Städten konzentrieren. Umso wichtiger ist eine gute Verkehrsanbindung, damit die entsprechenden Angebote für die Menschen in Ense zuverlässig erreichbar bleiben.